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Dieser kurze Beitrag von Stephen Waddington (via @torstenherrmann) erinnert mich an Gefühl, das mich bei meinem Neuanfang viel beschäftigt hat und auch nach über einem Jahr noch manchmal beschleicht: Bloggen auf dem Land fühlt sich anders an.

Nein, ich habe nicht wirklich Angst, für einen kritischen Beitrag etwas auf die Fresse zu bekommen. Dennoch gibt es hier draußen viel mehr Gründe, nicht alles, nicht so direkt oder ein wenig vorsichtiger zu schreiben.

Zunächst mal fühlt man sich beim Bloggen in einer kleinen Stadt ziemlich allein. Ich bin hier schlicht der einzige, der sich regelmäßig auf diese Weise zu Wort meldet. Außerdem gibt es unter meinen lokalen Lesern (noch) keine Kommentarkultur. Reaktionen erreichen mich eher per Telefon oder im direkten Gespräch. Für den Fall, dass sich wer auch immer gegen mich wendet, kann ich also nicht unbedingt mit Unterstützung aus dem Internet rechnen.

Ein weiterer Punkt ist die unmittelbare Betroffenheit von Personen. Bochum hat über 350.000 Einwohner, das Ruhrgebiet ein paar Millionen. Die Stadtverwaltung beschäftigt hunderte Mitarbeiter, es gibt zwei Zeitungen mit zahlreichen Redakteuren. Solche Institutionen lassen sich kritisch beleuchten ohne Menschen direkt zu treffen. Und fühlt sich doch einmal jemand persönlich angegriffen, lässt sich ihm im realen Leben leicht aus dem Weg gehen.

In Varel ist das anders. Dem ins Gericht genommenen Ratsherrn am Sonnabend auf dem Markt zu begegnen, ist durchaus wahrscheinlich. Wer noch ein Haus bauen will, sollte es sich besser nicht mit den beiden Mitarbeitern der Bauaufsicht verscherzen. Und in der – ohne Frage noch sehr wichtigen – Zeitung will man vielleicht auch mal ein eigenes Thema unterbringen.

Hinzu kommt die persönliche Vernetzung. Jeder kennt jeden um höchstens zwei Ecken. Verscherzt man es sich mit richtigen, wird man womöglich schnell zum Outlaw für die halbe Stadt.

Andererseits: Mit der Zeit wird man gelassener. Man stellt fest, dass die meisten Menschen durchaus kritikfähig sind, das fehlenden Online-Feedback wird durch Feedback auf der Straße mehr als aufgewogen und außerdem ist es für einen politisch engagierten Menschen ohnehin schwer, nirgendwo anzuecken. Ohne Ärger geht es nicht.

Anders als Waddington (und @torstenherrmann) glaube ich übrigens nicht, dass Blogger aus den genannten Gründen lokal keine Chance gegen die Medien haben. Die Redakteure unterliegen exakt den selben Zwängen. Vielleicht sogar noch ein wenig mehr, denn immerhin müssen die auch noch auf die zahlreichen Anzeigenkunden Rücksicht nehmen. Ihr einziger Vorteil ist eine Rechtsabteilung im Rücken. Doch die hilft bei verstimmter Nachbarschaft auch nicht wirklich weiter.

Aber möglicherweise gibt es ja andere Gründe, warum lokale Blogger oder Buzzrider nicht die Zukunft sind.