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von der Leyen redet Englisch: Frechheit

Momente, in denen einem der Atem stockt. Der Verein deutsche Sprache kürt Ursula von der Leyen zur Sprachpanscherin des Jahres, weil sie auf der Munich Security Conference ihre Rede nicht etwa in gepanschtem Deutsch, sondern gleich ganz auf Englisch abliefert. So weit, so kurios. Dieser komische Verein soll machen, was er will.

Nach meinem Empfinden handelt von der Leyen vorbildlich, wenn sie sich auf einer internationalen Konferenz in einer Sprache an das Publikum wendet, die sie beherrscht und die 90% des Publikums sicher verstehen. Für mich ist es Ausdruck von Achtung und Höflichkeit, sich sprachlich auf ein Gegenüber einzustellen. Mindestens so weit man dazu in der Lage ist. Und bis zur nächsten Begegnung auch noch ein bisschen mehr. Wozu gibt es Volkshochschulen.

Ganz anders kommentiert Reinhard Tschapke in der NWZ. Einmal abgesehen davon, dass Herr Tschapke fast alle seine Buchstaben aufwendet, um die Pressemitteilung des Vereins deutsche Sprache noch einmal neu – und schlechter – zu formulieren.

Ausgerechnet Frankreich – das für Tschapke offenbar gleichbedeutend mit “dem Ausland” ist – als Vorbild für Sprachpatriotismus heranzuziehen ist aberwitzig. Die dort ohnehin schon geringe Bereitschaft zum Erwerb von Fremdsprachen hat sich weiter verschärft. Das für internationale Stabilität so wichtige Interesse am Ausland ist gering. Junge Französinnen haben auf dem internationalen Arbeitsmarkt wenig Chancen. Für Touristinnen ist Frankreich ohne Grundkenntnisse der Sprache ein verschlossenes Land. Und in der internationalen Politik spielt Frankreich trotz Atomwaffen eine immer kleinere Rolle.

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DGB // Gitta Connemann: Denn sie wissen (hoffentlich) nicht was sie tun

Gitta Connemann (CDU) vertritt den Wahlkreis Unterems als direkt gewählte Abgeordnete im Deutschen Bundestag. Sie ist Vizepräsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und besucht Israel und die Region regelmäßig. Nach einer Reise Anfang August hat der sie ihrer Lokalzeitung ein Interview gegeben und darin ein paar ziemlich selbstverständliche Dinge gesagt.

Die Führung der lokalen DGB-Gliederungen hat dieses Interview zum Anlass genommen, eine lange vereinbarte Rede Connemanns beim Antikriegstag an der Gedenkstätte Esterwegen abzusagen. Man fürchte einen Eklat. Den Eklat gibt es seitdem schon im Vorfeld.

Ich bin versucht, nach wie vor die Hoffnung zu hegen, dass die regionale DGB-Führung in Sachen Nahost-Konflikt noch ein wenig unterbelichteter ist als beispielsweise ich.

Andererseits zeugt der weitere Umgang mit dem Thema nicht von Einsicht oder gar Konfliktfähigkeit. Man entschuldigt sich irgendwie, bleibt aber bei der Ausladung und redet weiterhin lieber über- als miteinander. Sachlich kritische Einschätzungen zur eigenen Position wie die von Matthias Küntzel werden offenbar entweder nicht gelesen oder nicht verstanden.

Bedenklich stimmt zudem, dass auch von Landes- oder Bundesebene des DGB keine korrigierende Haltung gegenüber dem peinlichen Agieren vor Ort zu erkennen ist. Der Antikriegstag in Esterwegen dürfte in diesem Jahr eine äußerst traurige Veranstaltung werden.

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Israel: Da nichts einfach ist

israelWer links sozialisiert ist, stellt sich auf die Seite der Schwachen. Flüchtlingslager, hungernde Kinder und Tote unter der Zivilbevölkerung: Das sind starke Zeichen für Schwäche. Eine funktionierende Demokratie, eine Luftwaffe und die USA als Verbündete bedeuten Stärke. Im sogenannten Nahost-Konflikt erschien es mir daher lange Zeit einfach, mich gegen isrealisches Handeln zu positionieren.

Begegnungen, Texte und ein wenig Weisheit des Alterns haben seit ein paar Jahren die Erkenntnis reifen lassen: Einfach ist in diesem Konflikt überhaupt nichts. Nicht für die Kinder in Gaza. Aber genauso nicht für Israelis, die mit der schrecklichen Tatsache leben müssen, dass bei einigen ihrer Nachbarn die Auslöschung der Juden quasi Verfassungsrang hat.

Da nichts einfach ist und ich viel zu weit weg und zu wenig im Thema bin, versuche ich mittlerweile, mich herauszuhalten.

Parallel dazu wächst die Einsicht, dass ich mich in der Vergangenheit typischer antisemitischer Muster bedient habe. Ich war und bin natürlich kein Antisemit. Aber meine Sozialisation – die unserer Gesellschaft – steht in Jahrtausende währender antisemitischer Tradition. Sich dessen bewusst zu werden, ist ein schmerzhafter Prozess. Neu zu denken ist anstrengend.

Gut, dass es Menschen wie Wolfgang und Jan gibt, die mich – uns – mit scharfer Analyse und konkreter Erfahrung dabei unterstützen.

Besonders zum Lesen empfohlen:

  • Wolfgangs ausführliche Analyse der alltäglichen Antisemitismen, von denen auch mich nach wie vor nicht komplett frei sprechen will.
  • Ergänzend sein Text zur Darstellung des Nahost-Krieges in den (öffentlich-rechtlichen) Medien.
  • Der Facebook-Stream von Jan.
  • Und – schon älter – eine Anleitung der taz zum Verfassen eines richtig guten antiisraelischen Textes.

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Kolumne in der WZ: “Es macht einen Unterschied”

Logo Wilhelmshavener ZeitungDie Wilhelmshavener Zeitung hat mich gebeten, von Zeit zu Zeit die Kolumnenspalte auf der Multimedia-Seite zu füllen. Am letzten Dienstag erschien nun die zweite Ausgabe dieser Kolumne. Sie wird ab morgen auch online dort zu lesen sein. Hier gibt es sie schon heute. 

Wir werden überwacht. Sobald wir uns ins Internet begeben, lesen, hören und sehen NSA, GCHQ mit Programmen wie PRISM und Tempora mit. Sie erfassen, wann wir uns bei Facebook anmelden, welche Seiten wir aufrufen mit wem wir in Kontakt treten. Sie sortieren uns in Kommunikationsmuster ein und bewerten, wie gefährlich wir sind. Jeden von uns. Meine 11 Jahre alte Tochter, die Leserinnen diese Kolumne und – mit viel Glück – auch einmal eine schlafende Terrorristin.

Irgendwie haben wir das zwar geahnt. Doch der Umfang der Überwachung, den der Whistleblower Edward Snowden enthüllt hat, ist erschreckend. So erschreckend, dass selbst gut informierten Netzexpertinnen nicht viel mehr einfällt, als laut zu schweigen.

Von anderer Seite wird bereits gerechtfertigt: Die Sicherheit! Und relativiert: Es lesen ja nur Algorithmen, keine Menschen!

Und wir werden zu Mitschuldigen erklärt: Immerhin stellen wir die ganzen Informationen freiwillig ins Netz. Wir dokumentieren unser Leben bei Facebook, überlassen Foursquare im Stundentakt unsere Positionsdaten, versenden einen Großteil unserer Korrespondenz auf dem Sicherheitsniveau einer Postkarte: Per E-Mail. Was macht es da schon aus, wenn die Geheimdienste mitlesen?

Aber stimmt das überhaupt?

Nach anfänglichen Exzessen sehe ich mittlerweile eine sehr bewusste Nutzung von Facebook. Längst nicht mehr jedes Bild wird hochgeladen. An den Einstellungen zur Privatsphäre wird intensiv gefeilt. Jugendliche suchen ganz bewusst nach Diensten, die ihre Eltern noch nicht kennen. Und E-Mails versenden wir in dem Wissen, dass es zwar keines großen Aufwands aber einer Menge krimineller Energie bedarf, sie abzufangen und mitzulesen.

Wie so oft, gilt auch hier: It’s not for your eyes. Unsere holländischen Nachbarinnen brauchen keine Gardinen, weil sie darauf vertrauen, dass allenfalls deutsche Touristinnen in ihre Küche starren. Nackt in die Sauna gehen wir nur, weil Konsens besteht, dass man sich dort nicht offensiv zwischen die Beine schaut. Genauso selbstverständlich muss es sein, dass Personalabteilungen nicht in unser Wohnzimmer bei Facebook eindringen, wenn wir uns bei Ihnen als Bewerberinnen vorstellen. Und erst recht sollte gelten: Kein Geheimdienst dieser Welt, darf ohne jeden konkreten Anlass auch nur eine Zeile unser Aktivitäten im Internet erfassen, speichern oder bewerten.

Andernfalls wird das Gefühl im Internet nichts mehr unbeobachtet tun zu können, ganz langsam in unseren Geist sickern. Wir werden dort nicht frei agieren können. Ein zunehmend wichtiger Teil unseren Lebensraum wird ein Ort der Unfreiheit werden.

Übrigens: Statt uns zu überwachen, könnten die Geheimdienste unser zu Abwechslung auch helfen, uns vor Überwachung zu schützen. Etwa durch Bereitstellung wirklich sicherer Verschlüsselung. Das untaugliche De-Mail der Telekom per Gesetz für sicher zu erklären, ist nämlich nicht der richtige Weg.

Weitere Ausgaben dieser Kolumne:

I: Facebook? Vergessen Sie es!

Ich schreibe hier viel zu wenig über Überwachung. Statt dessen sitze ich staunend und entsetzt vor dem Rechner. Aber lasst mich ein paar Links posten. Zum Beispiel den zu Frau Meike. Damit ihr wisst, wie ich mich fühle.

Frau Meike: Die gelähmte Wut

Oder zu Nico Lumma. Dessen zentralen Satz ich hier zitiere. Weil er so wichtig ist. Und immer wieder gesagt werden muss.

Wir müssen uns wohl [...] darauf einstellen, dass freiheitliche Gesellschaften immer wieder durch kleinere oder größere Attacken erschüttert werden. Das ist dramatisch [...] aber es gibt leider keine absolute Sicherheit.

Nico Lumma: Himmel, Arsch und Zwirn

Ach ja. Warum wir nicht selbst Schuld sind.

Hört auf, Überwachung mit Facebook zu rechtfertigen!