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Logo Wilhelmshavener ZeitungDie Wilhelmshavener Zeitung hat mich gebeten, von Zeit zu Zeit die Kolumnenspalte auf der Multimedia-Seite zu füllen. Am letzten Dienstag erschien nun die zweite Ausgabe dieser Kolumne. Sie wird ab morgen auch online dort zu lesen sein. Hier gibt es sie schon heute. 

Wir werden überwacht. Sobald wir uns ins Internet begeben, lesen, hören und sehen NSA, GCHQ mit Programmen wie PRISM und Tempora mit. Sie erfassen, wann wir uns bei Facebook anmelden, welche Seiten wir aufrufen mit wem wir in Kontakt treten. Sie sortieren uns in Kommunikationsmuster ein und bewerten, wie gefährlich wir sind. Jeden von uns. Meine 11 Jahre alte Tochter, die Leserinnen diese Kolumne und – mit viel Glück – auch einmal eine schlafende Terrorristin.

Irgendwie haben wir das zwar geahnt. Doch der Umfang der Überwachung, den der Whistleblower Edward Snowden enthüllt hat, ist erschreckend. So erschreckend, dass selbst gut informierten Netzexpertinnen nicht viel mehr einfällt, als laut zu schweigen.

Von anderer Seite wird bereits gerechtfertigt: Die Sicherheit! Und relativiert: Es lesen ja nur Algorithmen, keine Menschen!

Und wir werden zu Mitschuldigen erklärt: Immerhin stellen wir die ganzen Informationen freiwillig ins Netz. Wir dokumentieren unser Leben bei Facebook, überlassen Foursquare im Stundentakt unsere Positionsdaten, versenden einen Großteil unserer Korrespondenz auf dem Sicherheitsniveau einer Postkarte: Per E-Mail. Was macht es da schon aus, wenn die Geheimdienste mitlesen?

Aber stimmt das überhaupt?

Nach anfänglichen Exzessen sehe ich mittlerweile eine sehr bewusste Nutzung von Facebook. Längst nicht mehr jedes Bild wird hochgeladen. An den Einstellungen zur Privatsphäre wird intensiv gefeilt. Jugendliche suchen ganz bewusst nach Diensten, die ihre Eltern noch nicht kennen. Und E-Mails versenden wir in dem Wissen, dass es zwar keines großen Aufwands aber einer Menge krimineller Energie bedarf, sie abzufangen und mitzulesen.

Wie so oft, gilt auch hier: It’s not for your eyes. Unsere holländischen Nachbarinnen brauchen keine Gardinen, weil sie darauf vertrauen, dass allenfalls deutsche Touristinnen in ihre Küche starren. Nackt in die Sauna gehen wir nur, weil Konsens besteht, dass man sich dort nicht offensiv zwischen die Beine schaut. Genauso selbstverständlich muss es sein, dass Personalabteilungen nicht in unser Wohnzimmer bei Facebook eindringen, wenn wir uns bei Ihnen als Bewerberinnen vorstellen. Und erst recht sollte gelten: Kein Geheimdienst dieser Welt, darf ohne jeden konkreten Anlass auch nur eine Zeile unser Aktivitäten im Internet erfassen, speichern oder bewerten.

Andernfalls wird das Gefühl im Internet nichts mehr unbeobachtet tun zu können, ganz langsam in unseren Geist sickern. Wir werden dort nicht frei agieren können. Ein zunehmend wichtiger Teil unseren Lebensraum wird ein Ort der Unfreiheit werden.

Übrigens: Statt uns zu überwachen, könnten die Geheimdienste unser zu Abwechslung auch helfen, uns vor Überwachung zu schützen. Etwa durch Bereitstellung wirklich sicherer Verschlüsselung. Das untaugliche De-Mail der Telekom per Gesetz für sicher zu erklären, ist nämlich nicht der richtige Weg.

Weitere Ausgaben dieser Kolumne:

I: Facebook? Vergessen Sie es!