Seite auswählen

Die Nordwest-Zeitung dürfte den meisten ihrer Leser als ein durch und durch seriöses Blatt begegnen. Ein solider Überblick über Welt- und Deutschlandpolitik im Mantel. Ein wenig Wirtschaft und Kultur. Natürlich etwas Regionales und viel Sport und Service. Das ganze ruhend auf umfassender lokaler Berichterstattung, die eine gute Balance zwischen Poltik und Vereinsleben findet.

Natürlich gibt es Kritiker, die auf den Boulevard im Mantel zugunsten ernster Themen lieber verzichten würden. Und natürlich ist nicht jeder – das zeigt sich immer wieder – mit der politischen Schwerpunktsetzung der NWZ zufrieden. Alles in allem kommt die NWZ aber als ganz normales – eher überdurchschnittlich gut gemachtes – Lokalblatt daher.

Dazu passt, dass man sich dem Thema Internet zwar nicht verschließt aber eher vorsichtig agiert. Die meisten Artikel sind auch irgendwann online und mittlerweile auch kommentierbar. Es gibt ein gerne genutztes Leserforum und mittlerweile mit Twitter-Accounts, Facebook– und VZ-Profilen auch ein wenig Web 2.0.

Eine ähnliche Vorsicht verströmen auch die meisten Artikel und Kommentare zum Thema Internet wie etwa hier im letzten Jahr zum Thema Soziale Netzwerke und Karriere. Der Chef vom Dienst Frank Jungbluth kommentierte entsprechend.

Dies alles vorausgeschickt, war ich doch reichlich verwundert, gestern nach einem Hinweis dieses Video (Achtung! Definitiv nicht jugendfrei!) über die Poppnacht – mit zwei p – in der Fun Factory in Wildeshausen im Angebot von NWZ TV zu finden.

Für alle, die sich das Video nicht selbst anschauen möchten, hier ein paar Eindrücke. Eine spärlich bekleidete Moderatorin kommentiert das Programm des Abends und zeigt dazu passendes Bewegtbild. Zu sehen sind weitgehend unbekleidete Modells – weiblichen und männlichen Geschlechts – in teilweise eindeutigen Posen bis hin zum simulierten Geschlechtsakt. In der Videothek laufen solchen Szenen unter Softporno. Garniert wird das ganze mit Szenen, in denen den Gästen von der Bühne aus harte alkoholische Getränke direkt aus der Flasche in den offenen Rachen geschüttet wird. Dazu gibt es ein paar Interviews mit Personen, die sich kaum auf den Beinen halten, geschweige denn zusammen hängende Sätze hervorbringen können. Jeder möge bitte selbst beurteilen, ob er die öffentlichen sexuellen Exzesse oder den systematischen Alkoholmissbrauch abstoßender findet.

Nein! Ich bin ganz und gar nicht prüde. Und ja, mir ist durchaus bewusst, dass ähnliche Bilder jede Nacht in einschlägigen TV-Sendern für jedermann zugänglich über die Bildschirme flimmern.

Und dennoch frage ich mich ernsthaft, welcher Teufel die NWZ TV Redaktion reitet, solche Machwerke – nicht nur dieses, sondern auch zahlreiche älteren Datums – über den gleichen Kanal zu verbreiten wie seriöse Nachrichtensendungen, launige Wetterberichte und die von Kindern für Familien gemachten Rätselracker. Ist das dem Publikum wirklich angemessen. Schadet das der Marke NWZ nicht mehr als es möglicherweise lausige Klicks bringt?

Auch frage ich mich, ob diese Videos an dieser Stelle eigentlich der Mehrheit der zahlenden Abonnenten und vor allem den Anzeigenkunden aus der Region bekannt sind. Die NWZ erscheint immerhin auch im erzkatholischen Oldenburger Münsterland.

Und schließlich sei die Frage erlaubt, ob die NWZ künftig ihre Leser nicht besser vor den eigenen Filmteams als vor sozialen Netzwerken wie Facebook oder studiVZ warnen sollte.

Übrigens: Bevor ihr selbst auf die Idee kommt, gebe ich lieber gleich zu, dass ich diesen Beitrag natürlich nur geschrieben habe, um mir diese Filme mit gutem Gewissen anschauen zu können und die Suchmaschinen massenhaft auf mein Blog zu locken. Hehe. [Ironie Ende.]